Wir haben in der Schule gelernt, daß die Athener die Staatsform "Demokratie" erfunden haben. Das stimmt.
Was uns nicht erzählt wurde, ist, daß diese Entwicklung in zwei Schritten vor sich ging: Zuerst sollte der Herrscher Solon 574 v.Chr. das Gewaltproblem in der Athener Gesellschaft lösen: Es gab reiche Familien, die sich immer mal wieder meuchelten. Darunter litt immer mehr die ganze Athener Bevölkerung von ca. 200.000 Menschen.
Daß Aristokratie nichts Gutes ist, ist bei den meisten hängengeblieben.
Was wir nie gehört haben, ist, daß die Gewalt mit der Einführung von Wahlen und Parteien nicht etwa endete: Die Athener von 574 v.Chr. hingen noch, - genau wie wir - der Idee an, wir könnten Revolutionen durch Wahlen auf ein Kreuzchen alle paar Jahre reduzieren. Den ewigen Kampf, das erregte Sammeln hinter Fahnen, hinterfragen wir bis heute nicht. Wir verwechseln den rasenden Stillstand (altgriechisch "stásis"), das ewige Hü und Hott mit echter Demokratie.
Und so sind wir heute weltweit hin zu Kakistokratien unterwegs, der "Regierung durch die am wenigsten zur Regierung Befähigten". Athen hatte eben schon alle Staatsformen erlebt.
Heute kommt aber die Ideologie des ewigen Wachstums an ihr Ende, auf einer endlichen Erde immer eine Illusion. Die Natur hat uns seit einer Million Jahren ein Jäger- und Sammlerhirn mitgegeben, das endlose Ressourcen voraussetzt: Bei Problemen zieht man einfach in den nächsten Wald. So konnte man Kriegen - vor der Seßhaftigkeit - aus dem Weg gehen.
Wir müssen heute leider feststellen, daß homo "sapiens" bisher nie Verantwortung für sein Handeln übernommen hat, noch nicht erwachsen ist. Schuld sind immer - je nach Perspektive - die da oben, das dumme Volk oder die da drüben.
Die Guten sind immer wir selbst, die Bösen sind immer die anderen.
Kommt das bekannt vor? Wir leben nach wie vor im Mittelalter. Man nennt es Manichäismus.
Gleichzeitig ist der Mensch mit seinem anthropologischen Erbe in Kleingruppen sehr sozial und wenn man sich in die Augen sehen kann, - wenn ich weiß, Du begegnest mir morgen wieder, funktioniert Verantwortung. Wir regeln Konflikte, bevor sie eskalieren. Wir geben uns Mühe, werben für unseren Standpunkt, denn jeder Mensch ist in vielen Minderheiten zuhause. Es braucht ein Dorf, um einen Menschen groß werden zu lassen.
Leider können wir unsere sozialen Fähigkeiten nicht auf die viel zu großen gesellschaftlichen Gruppen seit der Seßhaftigkeit ausdehnen, so sehr wir uns auch bemühen. Die Medien entfernen uns voneinander zusätzlich.
Solon mußte am Ende aufgeben: Es ist überliefert, daß er mit allen Athenern gesprochen hat, so gut er konnte und daß er am Ende sah: Sein Vorhaben ist unmöglich. Zum Zeichen seines Aufgebens stellte er alle seine Waffen vor die Tür.
Die Gewalt ging - jetzt in Parteienform - 70 Jahre weiter. Ein Teil ("pars", Partei) nimmt in Anspruch für "alle" zu sprechen, definiert "gut" und "böse", "heilig" und "profan", "gebildet" und "ungebildet", die "Erleuchteten" und die "Außenstehenden", die Ungläubigen. Und die Glaubenskriege gehen von vorne los:
- "Du mußt doch einsehen, daß"
- "Ich appelliere an die Vernunft"
- "Ich verbiete dir das"
- "Gegen Faschismus kämpfen"
- "Nur die Philosophen könnten uns lenken"
- "Ich mache es mir privat gemütlich"
- "Sei die Änderung, die du dir wünscht"
- "Du mußt (!) tolerant sein"
- leider auch "Die Würde des Menschen ist unantastbar"
- "Alles ist nur eine Frage der Umverteilung"
- "Jeder ist nur für sich allein verantwortlich"
... nichts davon funktioniert.
Wenn sich ein Mensch an seine Verletzungen und Erniedrigungen klammert, die ihm oft die Privilegierten zufügen, absichtlich oder meist gedankenlos, hilft auch kein "Faktencheck". Wie jemals aus dem Teufelskreis von Haß und Rache ausbrechen?
Was wir trotz Smartphone, trotz vorgeblicher politischer Bildung leider immer noch nicht wissen: Im Athen von 507 oder 508 v.Chr. löste die Kleisthenes-Partei alle Parteien auf, einschließlich ihrer selbst, und übergab alle Gesetzesentscheidungen an immer wieder neu geloste Bürgerversammlungen, den "ecclesias". Daß damals Frauen und Arme noch ausgeschlossen waren von der "polis", ist ein Fehler, den wir heute nicht machen würden. Oder?
Erst darin bestand die Geburt wahrer Demokratie, eigentlich Isonomie genannt: Jeder und jede hat dieselbe Macht. Das ist viel mehr als "ein Rechtsstaat", weil Isonomie die einzige Staatsform ist, die Legitimation immer wieder aus sich selbst heraus generieren kann.
Heute lassen wir uns von 200.000 gewählten und nicht gewählten Aristokraten beherrschen, plus Tausende aus In- und Ausland, die unsere Politiker erpressen oder bedrohen können. Seit dem Mord an Walter Lübcke sagt niemand mehr "wir schaffen das": Trump kann Microsoft über Nacht den Stecker ziehen, Putin konnte uns bis vor kurzem das Gas abdrehen, auch Spekulanten, Überreiche und Großkonzerne, tun mit uns was sie wollen. Und Politiker, die das reale Leben nie kennengelernt haben.
Es geschieht immer nur, was die reichsten 10% wollen.
Es gab bereits tausende, erfolgreiche, geloste Bürgerversammlungen, so auch in Freiburg den Beteiligungshaushalt. Ganz Irland hat über Abtreibung und Ehe für alle Gesetze gemacht, in Ostbelgien ist wahre Demokratie in ihrem Regionalparlament seit 6 Jahren Praxis. Es funktioniert und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind durchgehend positiv überrascht über eine konstruktive, wertschätzende Atmosphäre, die sich von ganz allein einstellt, wenn wirklich alle dieselbe Macht haben.
Friedensforscher sagen übereinstimmend: Kriege beginnen und enden nicht, sie ändern nur ihre Form. Und so sehen wir um uns herum bisher kein einziges Werkzeug, um das Räderwerk ewigen, Kampfes jeder gegen jeden (Thomas Hobbes, 1651) zu zerbrechen: Bis auf Losdemokratie, Isonomie, also echter, wirklicher Demokratie.
In der wir alle mindestens einmal im Jahr an (natürlich vergüteten), gelosten Bürgerräten teilnehmen, bei etlichen davon sind die Bürgerinnen vollkommen frei, sich selbst ein Thema zu suchen und alle Experten ihrer Wahl einzuladen.
Wir könnten sofort damit anfangen, neben jedes Ministerium einen immer wieder neu gelosten Bürgerrat zu setzen. Leute wie Jens Spahn würden da nicht lange bestehen. Ministerien könnten zum ersten Mal nach Kompetenz ausgeschrieben und besetzt werden, oder abberufen.
Seit einem Jahr gibt es in Deutschland eine Partei, die alle Parteien überflüssig machen will: Losdemokratie. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß der Autor dieser Zeilen einer ihrer Bundesvorsitzenden ist.
Alle sind herzlich zu einem kostenlosen Vortrag mit gleichem Titel ins Stadtteilzentrum Haus 37 eingeladen (Karte), am Freitag, den 25. September, um 19 Uhr, im Saal A im 1. OG (Eingang vom Merktplatz aus).
Sollte es zu voll werden, wird eine Ersatzveranstaltung angeboten!